Donnerstag, 23. Februar 2012

Zwischen den Tagen

Die Welt fliegt an mir vorbei. Bäume, Menschen, das Eis zugefrorener Pfützen und kleiner Bäche. Meine Augen schließen sich; Müdigkeit...
...ich sitze im Zug, draußen, vor dem Fenster fliegt der Wald vorbei, hin und wieder ein wenig Dreck, den einer der Bewohner der Kleingartenanlagen auf die Gleise geworfen hat. Verlassene Industrieanlagen. Der Glasformenbau Radeberg. Die Strecke von Dresden ins beinah benachbarte Bautzen ist immer wieder eine Augenweide. Die unangenehmste Klimaanlage der Welt, installiert in jedem DB-Zug und Made in Germany, zwingt mich wie immer die Augen zu schließen.
Die Suche nach einer sinnvollen Nebenbeschäftigung und der Kampf gegen die sich schließenden Augen lässt mein Gesicht scheinbar so "gefährlich" aussehen, dass keine der Personen neben mir auch nur einen Blick auf mich riskiert. So kann ich die wenigstens unbemerkt beobachten. Interessante Statistik; 12 besetzte Sitze, aber nur 2 Erwachsenen und 1,393 Kinder. Eine Durchschnittsfamilie. Durchschnittlich ist auch die Lebensgeschichte der älteren Dame die mir gegenüber sitzt. Ist es eigentlich normal, dass jede älter Frau, die ich einfach nur aus Anstand anlächle, sofort alle Register zieht, um mir zu erklären wie toll ihr am 18.07.1996 verstorbener Mann Wolfgang Peter Wilhelm Schmidt doch war, wie gut ihr mein Shirt gefällt und dass ihr Enkel zufällig genau so eins besitzt? Wenigstens ist die Gute mit einem gelegentlichen "Ach wirklich?" und beiläufigem Gelächter zufrieden. Mir fällt auf, ich kenne gar nicht ihren Namen; fragen wir nach...Claudia. 
Die Zugfahrt ist weitestgehend uninteressant. Blicken wir zurück auf die Vergangenheit...

-ZEITSPRUNG-

...Vergangeheit ist so unspektakulär wie bereits gegessene Kekse. Allerdings gab es am heutigem Abend noch die ein oder andere Besonderheit. Ich war essen. Nicht bei einem renommierten Fastfood-Restaurant, dessen Salat immer frisch und dessen Kühe immer glücklich sind. Auch nicht in so einem schicki-micki Restaurant. Es war das familiäre Stamm-Restaurant. Gut und bürgerlich. Nicht so spektakulär, ich weiß.
Allerdings hatte es das Erlebte dort in sich. Kurz vor dem Ende des Abends, nach der dritten Runde ausgegrabener Schnäpse, ich selbst trank keinen, file mir am Nachbartisch ein etwas fülligerer und etwas lauterer Herr auf. Ich nenne ihn mal "den Geschichtenerzähler". Eben dieser Herr zerstörte, leider Gottes, mein bisheriges Bild vom auf einer Decke sitzenden, abgemagerten und allwissenden Geschichtenerzähler aus dem Orient. Er erzählte also seine Lebensgeschichte und machte weder Halt vor dem Krieg, noch vor seiner sich selbst abtötenden Schilddrüse oder einem heiteren "Ich rücke in meiner Partei in die engere Auswahl für den Landtag". Aber die spannendste Geschichte war doch die vom gerettetem Reh. Glaubt man seinen Worten, durchlebte er die wohl herzzerreißendste Wiederbelebung eines angefahrenen Rehs in der Geschichte der Menschheit. Dummerweise wurde er kurz darauf aufgrund Erregung öffentlichen Ärgernis kurz darauf von der Polizei abgeführt. Aber der Eindruck bleibt, er ist ein Held-Herausforderung "Reh-Reanimation" akzeptiert.
Titel des nächsten Eintrags; "Wie ich das Reh rettete!".

Auf bald, liebe Leser.
 

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